Ein erster Wind, der durch die Schulpolitik NRWs weht

Nach der Wahl in NRW gibt es die ersten Bewegungen in der Bildungspolitik. Eine positive davon ist der Stopp zu weiteren Schließungen von Förderschulen. Fragwürdig scheint aber die Forderung nach einem Schulfach „Wirtschaft“.

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„Wirtschaft“ soll hinein in die Schulen

Die erste große Diskussion haben CDU/FDP nach der Landtagswahl angestochen. Es solle doch das Fach „Wirtschaft“ als Pflichtfach eingeführt werden, damit die Erziehung zur Demokratie an die Bildung über Kapital und Wirtschaft gekoppelt wird. „Wie soll ein Schüler seine zukünftige Lebenswirklichkeit, das System Marktwirtschaft beurteilen, wenn er diese gar nicht kennt“, argumentieren die Befürworter. Richtig argumentiert, wenn das, was der Schüler als seine Lebenswirklichkeit vorfindet, auch tatsächlich eine Marktwirtschaft ist. Nein, ein rein auf die Wirtschaft fokussiertes Fach halte ich für gefährlich und lehne es deshalb ab. Meine Schulwirklichkeit als Pädagogin an Grund- und Hauptschulen war damit vollständig ausgefüllt, den Schülern die Grundtechniken lebensbewältigend beizubringen und ihnen eine gute Grundlage der englischen Sprache zu vermitteln.
Die Erziehung zu Toleranz und Demokratie, wie sie ja schon in den Bildungsplänen verankert ist, bedarf keiner Infiltration auf Systeme hin, erst recht nicht in einem Deutschland, in welchem sich die Lobbyisten aller Couleur an den Türen der Staatlichkeit – und dazu gehören auch Schultüren – die Klinke in die Hand geben. Abhängigkeiten durch Geld- und Sachspenden, Lehrerausbildung, Arbeitsmaterialien und Schul-buchinhalte bieten diesbezüglich gute Einflussschleusen.

Lernziele: Geld, Gier und Korruption?

Wenn Schule auf das Leben vorbereiten soll, was sie ja bis heute nicht leistet, vermittelt die neue, irgendwann vielleicht einmal gelingende Schule ihren Schülern Kenntnisse und Kompetenzen zur eigenen Lebensbewältigung, wozu auch die Persönlichkeitsentwicklung durch die Förderung  von  emotionaler Bildung, Reife und Intelligenz gehört. Was derartige Lernziele allerdings mit Wirtschaft zu tun haben, beweisen uns Wirtschaftsbosse fast täglich. Laut einer Spiegel-Umfrage haben Deutschlands Wirtschafts-, Banken- und Firmenmanager bei den Bürgern einen katastrophalen Ruf. Mehr als ein Drittel der Befragten hält die meisten deutschen Führungskräfte für korrupt. So schlecht denkt sonst kein anderes EU-Land über seine Wirtschaftselite.
Im Jahr 2014 verzeichnete das Bundeskriminalamt (BKA) fast 20.300 Korruptionsstraftaten. Dabei wurden laut dem Bundeslagebild Korruption die sogenannten Nehmer im Wert von 140.000.000 Euro geschmiert, fast immer mit Bargeld. Der ehemalige Staatsanwalt Wolfgang Schaupensteiner ist heute spezialisiert auf Korruptionsprävention, er ist sich sicher: „Es gibt wohl kaum eine Branche, die frei ist von Korruption. Das gibt es überall, in der Privatwirtschaft genauso wie bei der öffentlichen Hand. Die Bestechungssysteme funktionieren ungestört über Jahrzehnte.“

Bildungsrevolution statt Wundpflaster

Wer das Fach „Wirtschaft“ zum Pflichtfach in Schulen macht, transportiert auch gleichzeitig die auffälligste damit verbundene Emotion ins Klassenzimmer – die (Macht)Gier. Nein, es braucht kein Pflichtfach „Wirtschaft“ in deutschen Schulen!
Es braucht eine Bildungsrevolution in Deutschland ohne das Klein-Klein jedes einzelnen Bundeslandes. Im Rahmen einer Untersuchung vor 15 Jahren zum Thema „Wege zur gelingenden Schule“ konnte schon derzeit bewiesen werden, dass sich die Schule selbst zu einem kleinen Wirtschaftsunternehmen mausern kann. Eine Realschule in Neunkirchen erbrachte dafür den Beweis.
Alles dort begann mit einem Schulvertrag, geschlossen zwischen Eltern, Schülern und Lehrern. „Unsere Schulen müssen ähnlich wie Einkaufszentren, in denen man Bildung und Kompetenzen aller Art erwerben kann, zu Kommunikations- und Informationszentren mit Serviceleistungen ausgebaut und eingerichtet werden. In diese Zentren müssen alle Bildungseinrichtungen integriert werden. Klassenräume werden durch Lernlandschaften ersetzt und die Zentren sind von morgens bis abends geöffnet. Jahrgangsklassen werden durch Lerngruppen ersetzt, verbindliche Unterrichtszeiten durch Anwesenheitszeiten abgelöst. Statt der üblichen Zeugnisnoten oder Punktesysteme werden nach Gesprächen und Diagnosen konkrete Schülerbewertungen zu einzelnen Fächern, Kompetenzen und Persönlichkeitsmerkmalen erstellt.“ So schilderte der Schulleiter seine schon im Bau befindliche Schulwirklichkeit.

Schule als Wirtschaftsunternehmen

Diese etwas futuristisch anmutende Vorstellung von Schule zeichnet sich durch Netzwerke aus, die jede Schule in ihre Umgebung und damit auch in die Gesellschaft einbindet. So stehen die Ressourcen dieser Zentren allen Bürgern/Firmen der Stadt oder Gemeinde zur Verfügung. Bildungseinrichtungen wie Bibliotheken, VHS, Sport- und andere Vereine, Musik- und Kunstschulen sowie andere Schulen, Hochschulen und Unis sind ebenso integraler Bestandteil des schulischen Lebens wie auch Gesundheitszentren und soziale Einrichtungen. Ziel ist die Bildung und Kompetenzvermittlung für Körper, Geist und Seele. Über ein Netz von Schülerfirmen haben Schüler durch unterschiedliche Interessenlagen die Möglichkeit, nicht nur Dienstleistungen zu empfangen, sondern auch zu bieten. So zeichnete sich diese Realschule durch die Gründung folgender Schülerfirmen aus: Computer-know-how, Paper-Shop, Rund ums Fahrrad, Ton-und Filmschmiede, Börsenverein, Restaurantbetrieb einmal monatlich, Partyservice, Nähstübchen, Schülerbibliothek. Unter Mithilfe und Einbringung vieler Kompetenzen von Eltern und Lehrern entsteht so eine schulische Wirklichkeit, in der das Fach „Wirtschaft“ durch praktisches Tun erfahrbar wird.

Schule in Verwesung und Erlebnisarmut

Mein damaliger Besuch in Neunkirchen hat mich davon überzeugt, dass Schule völlig anders aussehen und funktionieren kann als das bisher Bekannte. Wenn wir Erfolgserlebnisse, Freude, Spaß, Neugier, Staunen und die Möglichkeiten, unseren individuellen Lerntyp zu berücksichtigen, in den Unterricht einbauen wollen, wenn wir also das Lernen mit dem Menschen und nicht gegen ihn gestalten, dürfen die äußere und innere Wohlfühlatmosphäre keinesfalls übersehen werden. Wer im Ruhrgebiet Schulen betreten hat, hat mit Sicherheit auch das Gefühl gehabt, hier nicht verweilen zu wollen. Sie strotzen nur so vor Verwesung und Erlebnisarmut. Dabei sind wir von Architekten umgeben, die nicht müde werden, sich an Bauweisen, Strukturen, Gestaltungen, Farben und Formen zu erproben und sich kleine Denkmäler zu setzen. Welche Lobby Schulkinder haben, kann an fast jedem Schulgebäude äußerlich und innerlich erfahren werden.
Gerne würde ich die Repräsentationszentren der Macht wie Banken, Sparkassen, Anwaltskanzleien, Regierungsgebäude und Chefetagen gegen die maroden Bildungs-gebäude eintauschen.
Heute dürfen sich Pädagogen mit Multikulti, Integration und Inklusion herumschlagen. Dazu gibt es weder genügend Fachpersonal noch Ideenreichtum. Die Politik hat auf ganzer Ebene versagt und glaubt, mit einem Pflichtfach „Wirtschaft“ punkten zu können.

Schule für Politiker

So wie Schulen und Bildung eine grundlegende Reform benötigen, sollten wir unsere Politikern jedes Jahr von ihrer stressigen Aufgabe befreien und ihnen abverlangen, einen Monat lang in Schulen, Krankenhäusern, Frauenhäusern, Altenheimen und Handwerksbetrieben für das dort bezahlte Geld Arbeit zu verrichten. Vielleicht wäre das eine sinnvolle Möglichkeit, ihren Realitätsschwund zu therapieren.

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Ein Gedanke zu „Ein erster Wind, der durch die Schulpolitik NRWs weht“

  1. Das haben wir in der Gewerkschaft schon vor 40 Jahren angeregt.
    In Worten : Vierzig Jahre.
    Wir sind belächelt worden und getan hat sich nicht´s. Erst wenn Politiker durch Abwahl Einkommenslos werden wachen sie auf und jammern herum.

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