Raubtierkapitalismus aus der Gier geboren

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M. G. Dönhoff: Zivilisiert den Kapitalismus

In diesen Tagen fiel mir ein Buch von Marion Gräfin Dönhoff mit dem Titel „Zivilisiert den Kapitalismus“ in die Hände, das 1997 erschienen ist und vor der Gefahr eines entfesselten Kapitalismus eindringlich warnt. Dieses Buch besitzt heute eine größere Aktualität denn je, weil genau die Entwicklung stattgefunden hat, vor der Dönhoff Wirtschaft und Politik warnte.

Als sich 1989 die Mauer zwischen Ost und West öffnete, veröffentlichte Dönhoff, damals Redakteurin der ZEIT, einen Artikel mit der Überschrift: „Die Niederlage des Marxismus bedeutet nicht den Triumph des Kapitalismus“, was sie in ihrem Vorwort zum Buch mit folgenden Worten erklärt: „Wohlstand reicht nicht aus, um dem Menschen Befriedigung zu verschaffen. Er braucht auch etwas für Seele und Gemüt. … Die Institutionen, die in früheren Zeiten Werte setzten und Spielregeln festlegten: Elternhaus und Schule, sind dazu nicht mehr in der Lage, aber ohne eine solidaritätsschaffende und Orientierung bietende Ethik wird die Gesellschaft nicht bestehen können. … Das Menschenbild, das uns Heutigen vor Augen steht, ist rein individualistisch. Selbsterfüllung ist der bestimmende Aspekt – Verantwortung für den Staat, die Gesellschaft ist weitgehend in Vergessenheit geraten. Der Mensch wird als homo oeconomicus aufgefasst, der streng rational seinen Vorteil kalkuliert und seinen Nutzen präzis maximiert … ein Egoismus, der vor nichts haltmacht. In seinem Gefolge wächst die Brutalität, die unseren Alltag kennzeichnet, wie auch die Korruption, die in vielen Ländern mittlerweile bis hinauf ins Kabinett reicht. … Alles muss immer größer werden, von allem muss es immer mehr geben, mehr Freiheit, Wachstum, Profit. … Diese Entwicklung führt zwangsläufig zu Sinnentleerung, Frustration und Entfremdung.“

Erschreckende Entwicklung

Wir wissen heute, dass Deutschland neben den Vereinigten Staaten, Japan und China zu den vier Ländern mit den meisten Millionären auf der Welt gehört. Laut Oxfam besitzen die 62 reichsten Einzelpersonen genauso viel wie die gesamte ärmere Hälfte der Weltbevölkerung und ein Ende der weiteren Bereicherung Einzelner und der Verarmung der Masse ist nicht abzusehen. Die Kluft zwischen Arm und Reich wächst in einer Schnelligkeit, die die Bezeichnung Turbokapitalismus rechtfertigt. „Karriere und Geld nehmen jetzt die erste Stelle ein. Die Maximierung des Einkommens ist zum höchsten Lebensziel geworden.“ (S. 20) Und dass das mit allen Mitteln zu erreichen versucht wird, beweisen uns heute Steueroasen, Briefkastenfirmen, Lobbybeeinflussung, Parteispendenaffären und Korruption. Skandale zum Zwecke der Bereicherung gehören inzwischen zur Tagesordnung in Politik und Wirtschaft. Entwendet dahingegen eine Verkäuferin ein Stück Wurst, wird sie fristlos entlassen. Kapitalismus nach dem Prinzip „Die Kleinen hängt man, die Großen lässt man laufen.“ Und obwohl die Taschen schon bis zum Rand gefüllt sind, findet die Gier des Habenden keine Ruhe. Skandale über Skandale bietet die Welt fast täglich. Von Steuerhinterziehung à la Hoeneß und Schwarzer bis zu Plagiaten à la Guttenberg und Schavan. Und das sind erst die kleinen Fische auf dem Marktplatz der Haie.
Irgendwie verständlich, dass bei den Größenordnungen, in denen Finanzwelt, Wirtschaft, Handel, aber auch Mammutorganisationen wie beispielsweise die EU an Komplexität zugenommen haben sowohl die Übersicht als auch die Kontrollfunktion misslingt. Es kann sowohl von einer lokal-regional-nationalen als auch von einer international-globalen Anarchie gesprochen werden, die das Ende demokratischer Strukturen und finanzieller Ordnungsprinzipien eingeläutet hat.

Verheerende Zustände

„Die Bürger sind frustriert, Regierung wie Opposition ohne Elan und Vision. Das meiste wird dem Zufall überlassen. … Niemand hat ein Konzept. Alle sind gleichermaßen ratlos.“ (S. 23) Dönhoff beschreibt diese Konzeptlosigkeit in mehreren Bereichen: Sie sei bei der Entwicklungshilfe, der Arbeit, der Rüstungspolitik mit ihren Waffenexporten, dem Verhältnis Schiene und Straße und bei der Asylpolitik zu finden. Dönhoff warnt vor jedweder Handlungsunfähigkeit einer Regierung, die zur Politikverdrossenheit der Bürger führt, Resignation und Missmut erzeugt und die Gefahr eines neu erwachenden Nationalismus in sich birgt. „Die Gefahr ist groß, dass junge Menschen, die in diesem Klima von Anspruchsdenken, Nicht-gefordert-Werden und Bindungslosigkeit heranwachsen, der Verführung von Populisten und radikalen Schwätzern widerstandslos erliegen.“ (S. 28)
All das ist inzwischen eingetreten und auch ohne Dönhoff beklagen wache Bürger das Dahinsiechen moralischer Werte und humanistisch-ethischer Traditionen. Die Suche nach einer sozialen Gesellschaft und einer Verteilungsgerechtigkeit hat längst begonnen. In Tausenden von Petitionen fordern Menschen Mitbestimmung und politisch korrektes Handeln. Viele Bürger haben resigniert, das Land verlassen oder sich von den etablierten Parteien abgewendet. Gewaltpotentiale wurden freigelegt und die Demokratie politisch sowie gesellschaftlich beschädigt.
„Auch Europa läuft Gefahr, ausschließlich auf Wachstumsraten, Sozialprodukt und Außenhandelsbilanzen konzentriert zu werden. … Das Prinzip der sozialen Marktwirtschaft ist als Wirtschaftsprinzip unentbehrlich, aber es darf nicht als Entschuldigung fürs Nicht-Handeln missbraucht werden. Das Gemeinwohl muss wieder an die erste Stelle rücken. Es ist ein Skandal, dass Gewalt, Korruption und ein egozentrischer Bereicherungstrieb als normal angesehen werden, während ein unter Umständen sich regendes Unrechtsbewusstsein kurzerhand mit dem Hinweis auf die ‚Selbstregulierung des Marktes‘ beschwichtigt wird.“ (S. 31)

Resumé

Wer mein blog liest und sich fragt, warum eine Frau, die 30 Jahre Schuldienst hinter sich hat, Orchester und Chöre leitete und für sieben Jahre in Sachen Bildung und Kultur nach Polen verschwand, politisch zu kämpfen beginnt, erhält hier von Dönhoff eine von mehreren Antworten: „Heute sind die Politiker frustriert und die Bürger verdrossen, die großen klassischen Parteien ziehen immer weniger Wähler an, die Wahlbeteiligung geht zurück und das Misstrauen gegenüber den demokratisch-legitimierten Institutionen des Staates nimmt zu. Die Demokratie ist bei uns nicht durch rechtsradikale Gruppen gefährdet, sondern allein durch sich selbst; durch Übertreibung ihrer eigenen Prinzipien. … Es kann doch nicht sein, dass eine säkularisierte Welt notwendigerweise bar aller ethischen Grundsätze ist. Es muss doch möglich sein, die marktwirtschaftlichen Strukturen so zu ergänzen, dass die Menschen veranlasst werden, sich menschlich zu verhalten und nicht wie Raubtiere nach Beute zu gieren.“

 

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