DENK-BLOG

Ich denke, also bin ich (René Descartes)

Die Welt um uns herum ist hochkompliziert geworden, für die aber auch wir Verantwortung tragen. Der Bedarf an differenzierten Antworten auf vorhandene Probleme ist riesig und politisch verordnete „Alternativlosigkeit“ demaskiert die Arroganz der Macht. Die Folge dieser Arroganz ist die Spaltung unserer Gesellschaft, ist der Verlust von Demokratie und Freiheit und die Zerstörung des Sozialstaats durch die weiter wachsende Verteilungsungerechtigkeit. Mein Weckruf hinein in das politische und gesellschaftliche „Schlaflabor Deutschland“ greift nach meinem Bürgerrecht, diese Welt mit zu gestalten und zu verändern. Nutzen wir die Restbestände von Freiheit, in Gedanken, Wort und Schrift eine „Gemeinschaft der Denker und umDenker“ zu bilden, die sich auf den Weg gemacht hat.

Mein umDenk-Blog berichtet, kritisiert, fordert, provoziert, analysiert, zürnt, tröstet und ruft dir zu:
„Mensch, wach auf!“

Bildung in Deutschland – ein skandalöses Trauerspiel


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Sicherheitsdienste an Berliner Grundschulen

Mit Sicherheitsdiensten an Grundschulen beginnt in Deutschland inzwischen Bildung … und die interessante Frage steht im Raum: Wo endet das?
Ich traute meinen Augen nicht, als ich – 30 Jahre lang Lehrerin an Grund- und Hauptschulen in NRW – über aktuelle Zustände und Probleme an deutschen Schulen zu recherchieren begann.
2003, also vor 15 Jahren, erschien mein Buch über den Schulalltag an deutschen Grund- und Hauptschulen in NRW. Heute, nachdem zwischen 2014 und 2016 um die 221.000 Kinder und Jugendliche zwischen 6 und 18 Jahren mit Asylantrag ins deutsche Schulsystem einwanderten und seit Ende 2016 noch mehrere Hunderttausend unbearbeitete Anträge aller Altersgruppen für weitere Mengen an Schulkindern sorgen, fragt man sich: Und wo sollen so urplötzlich die Lehrer für die „nicht Deutsch sprechenden Kinder“ herkommen? Die vorhandenen Pädagogen hatten schon genug damit zu tun, alle bildungs- und erziehungsspezifischen Defizite samt ihrer neuen Aufgabe der Inklusion zu bewältigen. Und so wundert man sich nicht darüber, dass nicht allein an Grundschulen Schulleiterstellen unbesetzt bleiben und kaum ein Kollege den Rücken beugen will, um einerseits der Schulbehörde und ihren Forderungen nachzukommen und sich andererseits mit Verständnis und Solidarität vor die Lehrerschaft zu stellen, die ihre Gesundheit zu Markte trägt. An deutschen Grundschulen fehlen inzwischen 1.000 Schulleiter und 20.000 Lehrer, um einen vollständigen Unterricht zu gewährleisten.
Schon vor Jahren übernahmen Studenten in vielen Bundesländern den Unterricht, wenn Lehrer ausfielen. 2.000 Verträge für Vertretungen wurden von August 2009 bis März 2010 allein in Berlin geschlossen. Aus einer Umfrage der Gewerkschaft für Erziehung und Wissenschaft (GEW) Berlin ging hervor, dass die Hälfte der Vertretungslehrer keine pädagogische Ausbildung hatte. Aber wie in vielen Bereichen, in denen die Politik mitmischt, ist keine Änderung in Sicht. 2016 stellten Schulen schon Studenten heimlich als Klassenlehrer ein. Geld sparen, Menschen ausnutzen und überfordern und das alles politisch in seichte und schöne Worte packen ist inzwischen eine typisch deutsche Verfahrensweise.
An Nordrhein-Westfalens Schulen unterrichten immer mehr Quereinsteiger. Beinahe jeder zehnte (9,8 Prozent) der insgesamt 5.563 Lehrer, die für das Schuljahr 2017/18 eingestellt wurden, war in dem Beruf vorher nicht tätig.
Kritisch muss dabei bewertet werden, dass die Seiteneinsteiger nach einer allgemeinen Einführungswoche zum Teil vom ersten Tag an allein vor der Klasse stehen, manchmal ohne jegliche pädagogische Erfahrung.
Die neue Schulministerin in NRW Yvonne Gebauer (FDP) hat sich zum Ziel gesetzt, verstärkt auf Seiteneinsteiger zurückzugreifen, um den Lehrermangel und den massiven Unterrichtsausfall zu mildern.

In einem Oberhausener Gymnasium ging eine Schülerin, die mit einer Entscheidung der Sportlehrerin nicht einverstanden war, auf die Pädagogin los, trat und biss die Frau. Seither gehen immer zwei Sportlehrer in die Klasse – zur Sicherheit.
Hochgerechnet seien mehr als 45.000 Lehrkräfte (sechs Prozent) an allgemeinbildenden Schulen bereits Opfer von tätlicher Gewalt geworden. Zu den körperlichen Angriffen gehörten etwa Fausthiebe, Tritte, An-den-Haaren-Ziehen oder das Bewerfen mit Gegenständen.

Muss man sich da wundern, dass die Schulen massiven Lehrermangel zu beklagen haben? Wenn 45.000 angegriffene Lehrkräfte aus Sicherheitsgründen stets mit einem zweiten Kollegen unterwegs sein müssen, bleibt es nicht aus, dass eine solche Doppelbesetzung zu einem massiven Lehrermangel führt. Das sahen einige Schulleiter ähnlich und beauftragten externe Sicherheitsdienste zum Schutz der Anwesenden.

So weit hat es die von Angela Merkel 2010 ausgerufene Bildungsrepublik Deutschland inzwischen kommen lassen. Unterrichtsausfall, Lehrer- und Schulleitermangel, Integrations- und Inklusionsprobleme, Gewalt an Schulen mit Sicherheitsdiensten vielleicht schon bald in Kitas. In großen Fachartikeln und dicken Fachbüchern wird nach Ursachen für kindliche Gewalt geforscht und so finden wir Begründungen in der Vererbungstheorie, dem Triebmodell von Konrad Lorenz, in Freuds Psychoanalytischem Persönlichkeitsmodell, in der Soziologischen Ursachentheorie und bei der Betrachtung des Sozialen Umfeldes.
Meine Erfahrung nach fast 30 Jahren Lehrerdasein im Schuldienst ist weniger wissenschaftlich. Ursache für den furchtbaren Zustand an deutschen Schulen sind das staatliche SchulUNwesen und der weit verbreitete elterliche Erziehungsnotstand – nachzulesen in meinen Bildungsbüchern „Deutschlands kaputte Kinder“ und „Kinder wieder ganz machen“.

Man darf die Hoffnung hegen, dass sich mit der anstehenden großartigen Digitalisierung unserer Schulen für fünf Milliarden Euro (siehe Koalitionsvertrag) das Gewalt-Problem von alleine löst. Die Schulministerin von Nordrhein-Westfalen, Yvonne Gebauer (FDP), hat nämlich zwecks schneller Digitalisierung einen Vorschlag gemacht, wie private Initiative helfen kann. Die Schüler hätten ja schon fast alle ein Smartphone, sollten sie es doch in den Unterricht mitbringen dürfen. Und schon wird jeder Lehrer überflüssig, denn die große zukünftige Wissensvermittlung läuft jetzt digital ab. Bildungspolitik ausgestattet mit dem Gütesiegel „Fachleute am Werk“.

Das Buch des amerikanischen Psychologen und Autors Haim Ginott „Teacher and Child“ endet mit folgendem Epilog: „Liebe Lehrer, ich bin Überlebender eines Konzentrationslagers. Meine Augen haben gesehen, was niemand je sehen sollte. Gaskammern, erbaut von gelernten Ingenieuren; Kinder, vergiftet von ausgebildeten Ärzten; Säuglinge, getötet von geschulten Krankenschwestern; Frauen und Babys, erschossen und verbrannt von Hochschulabsolventen. Deswegen bin ich misstrauisch gegenüber Erziehung. Meine Forderung ist, dass Lehrer ihren Schülern helfen, menschlich zu werden. Ihre Anstrengungen dürfen niemals führen zu gelernten Ungeheuern, ausgebildeten Psychopathen, studierten Eichmanns. Lesen, Schreiben, Rechnen sind nur wichtig, wenn Sie dazu dienen, unsere Kinder menschlicher werden zu lassen.“

Ein Plädoyer für den Schwerpunkt von Schule, Bildung und Erziehung: Seele und Menschlichkeit. Bildung ohne Seele bleibt hohl. Seele erfordert nämlich den ganzen Menschen – Herz, Hand und Hirn. Wieviel davon sind heute noch in unseren Schulen und Elternhäusern vorhanden?
Danach zu forschen und Wege dorthin zu finden muss bildungspolitische und gesellschaftliche Aufgabe werden.

Und hier die Klage der Wiener Kollegen zum Zustand von Schule und Bildung.

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Ein erster Wind, der durch die Schulpolitik NRWs weht


Nach der Wahl in NRW gibt es die ersten Bewegungen in der Bildungspolitik. Eine positive davon ist der Stopp zu weiteren Schließungen von Förderschulen. Fragwürdig scheint aber die Forderung nach einem Schulfach „Wirtschaft“.

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„Wirtschaft“ soll hinein in die Schulen

Die erste große Diskussion haben CDU/FDP nach der Landtagswahl angestochen. Es solle doch das Fach „Wirtschaft“ als Pflichtfach eingeführt werden, damit die Erziehung zur Demokratie an die Bildung über Kapital und Wirtschaft gekoppelt wird. „Wie soll ein Schüler seine zukünftige Lebenswirklichkeit, das System Marktwirtschaft beurteilen, wenn er diese gar nicht kennt“, argumentieren die Befürworter. Richtig argumentiert, wenn das, was der Schüler als seine Lebenswirklichkeit vorfindet, auch tatsächlich eine Marktwirtschaft ist. Nein, ein rein auf die Wirtschaft fokussiertes Fach halte ich für gefährlich und lehne es deshalb ab. Meine Schulwirklichkeit als Pädagogin an Grund- und Hauptschulen war damit vollständig ausgefüllt, den Schülern die Grundtechniken lebensbewältigend beizubringen und ihnen eine gute Grundlage der englischen Sprache zu vermitteln.
Die Erziehung zu Toleranz und Demokratie, wie sie ja schon in den Bildungsplänen verankert ist, bedarf keiner Infiltration auf Systeme hin, erst recht nicht in einem Deutschland, in welchem sich die Lobbyisten aller Couleur an den Türen der Staatlichkeit – und dazu gehören auch Schultüren – die Klinke in die Hand geben. Abhängigkeiten durch Geld- und Sachspenden, Lehrerausbildung, Arbeitsmaterialien und Schul-buchinhalte bieten diesbezüglich gute Einflussschleusen.

Lernziele: Geld, Gier und Korruption?

Wenn Schule auf das Leben vorbereiten soll, was sie ja bis heute nicht leistet, vermittelt die neue, irgendwann vielleicht einmal gelingende Schule ihren Schülern Kenntnisse und Kompetenzen zur eigenen Lebensbewältigung, wozu auch die Persönlichkeitsentwicklung durch die Förderung  von  emotionaler Bildung, Reife und Intelligenz gehört. Was derartige Lernziele allerdings mit Wirtschaft zu tun haben, beweisen uns Wirtschaftsbosse fast täglich. Laut einer Spiegel-Umfrage haben Deutschlands Wirtschafts-, Banken- und Firmenmanager bei den Bürgern einen katastrophalen Ruf. Mehr als ein Drittel der Befragten hält die meisten deutschen Führungskräfte für korrupt. So schlecht denkt sonst kein anderes EU-Land über seine Wirtschaftselite.
Im Jahr 2014 verzeichnete das Bundeskriminalamt (BKA) fast 20.300 Korruptionsstraftaten. Dabei wurden laut dem Bundeslagebild Korruption die sogenannten Nehmer im Wert von 140.000.000 Euro geschmiert, fast immer mit Bargeld. Der ehemalige Staatsanwalt Wolfgang Schaupensteiner ist heute spezialisiert auf Korruptionsprävention, er ist sich sicher: „Es gibt wohl kaum eine Branche, die frei ist von Korruption. Das gibt es überall, in der Privatwirtschaft genauso wie bei der öffentlichen Hand. Die Bestechungssysteme funktionieren ungestört über Jahrzehnte.“

Bildungsrevolution statt Wundpflaster

Wer das Fach „Wirtschaft“ zum Pflichtfach in Schulen macht, transportiert auch gleichzeitig die auffälligste damit verbundene Emotion ins Klassenzimmer – die (Macht)Gier. Nein, es braucht kein Pflichtfach „Wirtschaft“ in deutschen Schulen!
Es braucht eine Bildungsrevolution in Deutschland ohne das Klein-Klein jedes einzelnen Bundeslandes. Im Rahmen einer Untersuchung vor 15 Jahren zum Thema „Wege zur gelingenden Schule“ konnte schon derzeit bewiesen werden, dass sich die Schule selbst zu einem kleinen Wirtschaftsunternehmen mausern kann. Eine Realschule in Neunkirchen erbrachte dafür den Beweis.
Alles dort begann mit einem Schulvertrag, geschlossen zwischen Eltern, Schülern und Lehrern. „Unsere Schulen müssen ähnlich wie Einkaufszentren, in denen man Bildung und Kompetenzen aller Art erwerben kann, zu Kommunikations- und Informationszentren mit Serviceleistungen ausgebaut und eingerichtet werden. In diese Zentren müssen alle Bildungseinrichtungen integriert werden. Klassenräume werden durch Lernlandschaften ersetzt und die Zentren sind von morgens bis abends geöffnet. Jahrgangsklassen werden durch Lerngruppen ersetzt, verbindliche Unterrichtszeiten durch Anwesenheitszeiten abgelöst. Statt der üblichen Zeugnisnoten oder Punktesysteme werden nach Gesprächen und Diagnosen konkrete Schülerbewertungen zu einzelnen Fächern, Kompetenzen und Persönlichkeitsmerkmalen erstellt.“ So schilderte der Schulleiter seine schon im Bau befindliche Schulwirklichkeit.

Schule als Wirtschaftsunternehmen

Diese etwas futuristisch anmutende Vorstellung von Schule zeichnet sich durch Netzwerke aus, die jede Schule in ihre Umgebung und damit auch in die Gesellschaft einbindet. So stehen die Ressourcen dieser Zentren allen Bürgern/Firmen der Stadt oder Gemeinde zur Verfügung. Bildungseinrichtungen wie Bibliotheken, VHS, Sport- und andere Vereine, Musik- und Kunstschulen sowie andere Schulen, Hochschulen und Unis sind ebenso integraler Bestandteil des schulischen Lebens wie auch Gesundheitszentren und soziale Einrichtungen. Ziel ist die Bildung und Kompetenzvermittlung für Körper, Geist und Seele. Über ein Netz von Schülerfirmen haben Schüler durch unterschiedliche Interessenlagen die Möglichkeit, nicht nur Dienstleistungen zu empfangen, sondern auch zu bieten. So zeichnete sich diese Realschule durch die Gründung folgender Schülerfirmen aus: Computer-know-how, Paper-Shop, Rund ums Fahrrad, Ton-und Filmschmiede, Börsenverein, Restaurantbetrieb einmal monatlich, Partyservice, Nähstübchen, Schülerbibliothek. Unter Mithilfe und Einbringung vieler Kompetenzen von Eltern und Lehrern entsteht so eine schulische Wirklichkeit, in der das Fach „Wirtschaft“ durch praktisches Tun erfahrbar wird.

Schule in Verwesung und Erlebnisarmut

Mein damaliger Besuch in Neunkirchen hat mich davon überzeugt, dass Schule völlig anders aussehen und funktionieren kann als das bisher Bekannte. Wenn wir Erfolgserlebnisse, Freude, Spaß, Neugier, Staunen und die Möglichkeiten, unseren individuellen Lerntyp zu berücksichtigen, in den Unterricht einbauen wollen, wenn wir also das Lernen mit dem Menschen und nicht gegen ihn gestalten, dürfen die äußere und innere Wohlfühlatmosphäre keinesfalls übersehen werden. Wer im Ruhrgebiet Schulen betreten hat, hat mit Sicherheit auch das Gefühl gehabt, hier nicht verweilen zu wollen. Sie strotzen nur so vor Verwesung und Erlebnisarmut. Dabei sind wir von Architekten umgeben, die nicht müde werden, sich an Bauweisen, Strukturen, Gestaltungen, Farben und Formen zu erproben und sich kleine Denkmäler zu setzen. Welche Lobby Schulkinder haben, kann an fast jedem Schulgebäude äußerlich und innerlich erfahren werden.
Gerne würde ich die Repräsentationszentren der Macht wie Banken, Sparkassen, Anwaltskanzleien, Regierungsgebäude und Chefetagen gegen die maroden Bildungs-gebäude eintauschen.
Heute dürfen sich Pädagogen mit Multikulti, Integration und Inklusion herumschlagen. Dazu gibt es weder genügend Fachpersonal noch Ideenreichtum. Die Politik hat auf ganzer Ebene versagt und glaubt, mit einem Pflichtfach „Wirtschaft“ punkten zu können.

Schule für Politiker

So wie Schulen und Bildung eine grundlegende Reform benötigen, sollten wir unsere Politikern jedes Jahr von ihrer stressigen Aufgabe befreien und ihnen abverlangen, einen Monat lang in Schulen, Krankenhäusern, Frauenhäusern, Altenheimen und Handwerksbetrieben für das dort bezahlte Geld Arbeit zu verrichten. Vielleicht wäre das eine sinnvolle Möglichkeit, ihren Realitätsschwund zu therapieren.

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