DENK-BLOG

Ich denke, also bin ich (René Descartes)

Die Welt um uns herum ist hochkompliziert geworden, für die aber auch wir Verantwortung tragen. Der Bedarf an differenzierten Antworten auf vorhandene Probleme ist riesig und politisch verordnete „Alternativlosigkeit“ demaskiert die Arroganz der Macht. Die Folge dieser Arroganz ist die Spaltung unserer Gesellschaft, ist der Verlust von Demokratie und Freiheit und die Zerstörung des Sozialstaats durch die weiter wachsende Verteilungsungerechtigkeit. Mein Weckruf hinein in das politische und gesellschaftliche „Schlaflabor Deutschland“ greift nach meinem Bürgerrecht, diese Welt mit zu gestalten und zu verändern. Nutzen wir die Restbestände von Freiheit, in Gedanken, Wort und Schrift eine „Gemeinschaft der Denker und umDenker“ zu bilden, die sich auf den Weg gemacht hat.

Mein umDenk-Blog berichtet, kritisiert, fordert, provoziert, analysiert, zürnt, tröstet und ruft dir zu:
„Mensch, wach auf!“

Wacht auf!


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Günter Eich – aktueller denn je

„Wenn es mir gelänge, den Hörer aus seiner Sofaecke aufzuschrecken, so wäre mein Ziel erreicht. Insoweit würde ich auch Proteste begrüßen, eben als ein Zeichen der Beunruhigung. “
Ein Satz des Literaten Günter Eich, der heute nicht deutlicher formuliert werden kann. Damals, das war die Zeit nach dem 2. Weltkrieg unter Konrad Adenauer, als die Wunde des Nationalsozialismus und der deutschen Schuld mit Konsum, Wirtschaftswunder und Verdrängung übertüncht wurde. So konnten Richter, Juristen, Politiker, Polizisten, Lehrer und andere Berufsgruppen trotz ihrer nationalsozialistischen Vergangenheit ihre zweite uniformlose Karriere machen. Lehrpläne und Studieninhalte forderten lieber die Beschäftigung mit Napoleon, Bismarck und Ludwig XIV. statt mit Hitler und seinem Völkermord.
Heute können 40 Prozent aller jungen deutschen Menschen mit dem Thema Nationalsozialismus nichts mehr anfangen. Ihnen sagen die Worte Auschwitz und KZ gar nichts mehr – eine Tatsache, die unseren desolaten Bildungszustand widerspiegelt. Hat nicht Deutschland, hat nicht Europa eine friedensfördernde Aufgabe, die ohne Kenntnis über den schlimmsten Völkermord des letzten Jahrhunderts und ohne eine über die Generationen andauernde Erinnerungskultur nicht bewältigt werden kann?
Eichs Gedicht „Wacht auf“ ist Teil seines Hörspiels „Träume“, das 1951 bei den Hörern einen Skandal auslöste. Viele verstanden nicht, warum Eich nicht Träume über Liebe, Lust und Leidenschaft, sondern über Abtreibung, Mord und Tod hervorbrachte. Das aber war die Absicht des Autors. „Dichter, die niemanden erschrecken, sind zu nichts anderem wert, als dass man sich über sie unterhält,“ sagt Günter Eich im Vorwort zu seinen Träumen. Recht hat er, denn nur Extremes, Freches und Fremdes weckt den Menschen, der es sich im „Friede-Freude-Eierkuchen-Modus“ bequem gemacht hat.

Das ist heute wieder der Fall. „Wacht auf!“ kann man nur in die Nation brüllen, die in ihrer „Ich-Realität“ auf den Mainstream-Zug aufgesprungen ist, weil da eine Meinung nicht erst gebildet werden muss, sondern gleich mit den entsprechenden Argumenten übernommen werden kann. Warum denn selber denken, wenn man fertig gedacht bekommen kann?

Wacht auf!
Günter Eich (1907 – 1972)

Wacht auf, – denn eure Träume sind schlecht!
Bleibt wach, – weil das Entsetzliche näher kommt.
Auch zu dir kommt es, der weitentfernt wohnt
von den Stätten, wo Blut vergossen wird,
auch zu dir und deinem Nachmittagsschlaf,
worin du ungern gestört wirst.
Wenn es heute nicht kommt, kommt es morgen,
aber sei gewiß.
Oh, angenehmer Schlaf
auf dem Kissen mit roten Blumen,
einem Weihnachtsgeschenk von Anita, woran sie drei Wochen gestickt hat,
oh, angenehmer Schlaf,
wenn der Braten fett war und das Gemüse zart.
Man denkt im Einschlummern an die Wochenschau von gestern abend:
Osterlämmer, erwachende Natur, Eröffnung der Spielbank in Baden-Baden,
Cambridge siegte gegen Oxford mit zweieinhalb Längen, –
das genügt, das Gehirn zu beschäftigen.
Oh, diese weichen Kissen, Daunen aus erster Wahl!
Auf ihm vergißt man das Ärgerliche der Welt, jene Nachricht zum Beispiel:
Die wegen Abtreibung Angeklagte sagte zu ihrer Verteidigung:
Die Frau, Mutter von sieben Kindern, kam zu mir mit einem Säugling,
für den sie keine Windeln hatte und der
in Zeitungspapier gewickelt war.
Nun, das sind Angelegenheiten des Gerichtes, nicht unsre.
Man kann dagegen nichts tun, wenn einer etwas härter liegt als der andre.
Und was kommen mag, unsere Enkel mögen es ausfechten.
Ach, du schläfst schon? Wache gut auf, mein Freund!
Schon läuft der Strom in den Umzäunungen, und die Posten sind aufgestellt.
Nein, schlaft nicht, während die Ordner der Welt geschäftig sind!
Seid mißtrauisch gegen ihre Macht, die sie vorgeben für
euch erwerben zu müssen.
Wacht darüber, daß eure Herzen nicht leer sind, wenn mit
der Leere eurer Herzen gerechnet wird!
Tut das Unnütze, singt die Lieder, die man aus eurem Mund nicht erwartet!
Seid unbequem, seid Sand, nicht das Öl im Getriebe der Welt!

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